Aus der Praxis
Die 6R-Regel: Fundament der sicheren Arzneimittelgabe
Richtiger Patient
Identifizieren Sie den Patienten oder die Patientin eindeutig. Fragen Sie nach dem Namen und dem Geburtsdatum. Vergleichen Sie mit dem Patientenarmband. Bei bewusstseinseingeschränkten Personen nutzen Sie mindestens zwei Identifikationsmerkmale. Verlassen Sie sich niemals allein auf die Zimmernummer.
Richtiges Medikament
Vergleichen Sie den Medikamentennamen auf der Verpackung mit der ärztlichen Verordnung. Achten Sie auf LASA-Verwechslungen (Look Alike, Sound Alike): Medikamente mit ähnlichem Namen oder ähnlicher Verpackung. Prüfen Sie den Wirkstoff, nicht nur den Handelsnamen.
Richtige Dosis
Überprüfen Sie die verordnete Dosis und rechnen Sie bei Bedarf nach. Besonders bei pädiatrischen Dosierungen, Niereninsuffizienz oder geriatrischen Patienten sind Dosisanpassungen häufig. Bei Zweifeln: Rücksprache mit dem verordnenden Arzt oder der Apotheke, nicht eigenständig interpretieren.
Richtiger Zeitpunkt
Viele Medikamente haben einen optimalen Einnahmezeitpunkt: nüchtern (30 Minuten vor dem Essen), zu den Mahlzeiten, abends oder in festen Intervallen. Schilddrüsenhormone (L-Thyroxin) müssen beispielsweise 30 Minuten vor dem Frühstück nüchtern eingenommen werden. Protonenpumpenhemmer wirken am besten 30 Minuten vor der ersten Mahlzeit.
Richtige Applikationsform
Oral, sublingual, rektal, subkutan, intramuskulär, intravenös, transdermal, inhalativ: Die Applikationsform ist verordnungspflichtig und darf nicht eigenmächtig verändert werden. Retardtabletten dürfen nicht geteilt oder gemörsert werden, da dies die kontrollierte Wirkstofffreisetzung zerstört und zu Überdosierungen führen kann.
Richtige Dokumentation
Dokumentieren Sie die Gabe unmittelbar nach der Verabreichung mit Uhrzeit, Handzeichen und gegebenenfalls Besonderheiten. Nicht gegebene Medikamente werden mit Begründung dokumentiert (Verweigerung, Nüchternheit, Absetzen). Eine lückenlose Dokumentation ist die Grundlage für Therapiesicherheit und rechtlichen Schutz.
Hochrisiko-Arzneimittel erkennen
Insulin
Verwechslungsgefahr zwischen Insulinarten (schnell, intermediär, langwirkend). Dosierung in Einheiten (IE), niemals in Millilitern. Nur mit Insulinspritzen oder Insulinpens applizieren. Verwechslung von Einheiten kann zu schweren Hypoglykämien oder Hyperglykämien führen.
Antikoagulanzien
Heparin, Marcumar (Phenprocoumon), DOAKs (Rivaroxaban, Apixaban): Überdosierung führt zu Blutungskomplikationen, Unterdosierung zu Thrombosen. INR-Wert-Kontrolle bei Vitamin-K-Antagonisten, Nierenfunktion bei DOAKs beachten.
Opioide
Morphin, Fentanyl, Oxycodon: Atemdepression bei Überdosierung möglich. Besondere Vorsicht bei opioidnaiven Patienten, eingeschränkter Nierenfunktion und Kombinationstherapie mit Benzodiazepinen. Naloxon als Antidot muss verfügbar sein.
LASA-Arzneimittel
Look Alike, Sound Alike: Medikamente mit ähnlichem Aussehen oder Klang des Namens. Beispiele: Losartan/Valsartan, Metformin/Metoprolol, Prednisolon/Prednison. Tallman Lettering (Großbuchstaben zur Unterscheidung) ist eine bewährte Sicherheitsmaßnahme.
Polypharmazie bei älteren Menschen
PRISCUS 2.0: Wichtige Beispiele
Checkliste: Sichere Medikamentengabe
6R-Regel bei jeder einzelnen Medikamentengabe anwenden, ohne Ausnahme
Ärztliche Verordnung schriftlich und eindeutig vorliegen lassen (keine mündlichen Verordnungen ohne schriftliche Bestätigung)
Hochrisiko-Arzneimittel mit Doppelkontrolle verabreichen (Vier-Augen-Prinzip)
LASA-Medikamente durch farbliche Kennzeichnung oder Tallman Lettering unterscheiden
Medikamente erst unmittelbar vor der Gabe aus der Verpackung nehmen
Nie Medikamente stellen, die eine andere Person verabreichen soll, ohne klare Kennzeichnung
Bei Schluckstörungen: Rücksprache mit Arzt und Apotheke zu alternativen Darreichungsformen
Wechselwirkungen prüfen, besonders bei Neuverordnungen und Polypharmazie
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen beobachten, dokumentieren und melden
Patientinnen und Patienten über ihre Medikamente informieren und zur Selbstbeobachtung anleiten
Die sicherste Medikamentengabe ist die, bei der wir keinen Schritt überspringen. Routine darf nie zur Nachlässigkeit werden.
Nächster Schritt: Arzneimittelsicherheit
Dennis Tefett, M.Sc.
Pflege- und Neurowissenschaftler. Gründer des Refresher Zentrums. Über 300 Führungskräfte und Praxisanleitende geschult.
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