Aus der Praxis
Schmerz verstehen: Arten und Entstehung
Nozizeptiver Schmerz
Entsteht durch Gewebeschädigung oder Entzündung. Somatisch (Haut, Muskeln, Knochen): gut lokalisierbar, stechend oder drückend. Viszeral (Organe): diffus, krampfartig, schlecht lokalisierbar. Beispiele: Fraktur, Arthrose, Koliken.
Neuropathischer Schmerz
Entsteht durch Schädigung oder Erkrankung des Nervensystems. Typisch: brennend, elektrisierend, einschießend, Missempfindungen (Parästhesien). Beispiele: diabetische Polyneuropathie, Zosterneuralgie, Phantomschmerz.
Gemischter Schmerz (Mixed Pain)
Kombination aus nozizeptiven und neuropathischen Anteilen. Häufig bei chronischen Rückenschmerzen, Tumorschmerzen und nach Operationen. Erfordert eine multimodale Therapie, die beide Komponenten adressiert.
Schmerzassessment: Die richtigen Instrumente wählen
NRS (Numerische Rating-Skala)
Der Patient ordnet seine Schmerzintensität auf einer Skala von 0 (kein Schmerz) bis 10 (stärkster vorstellbarer Schmerz) ein. Vorteile: einfach, schnell, validiert, gut vergleichbar. Geeignet für orientierte, verbal kommunikationsfähige Erwachsene. Interventionsgrenze: ab NRS 3 bis 4.
VAS (Visuelle Analogskala)
Eine 10 cm lange Linie, auf der der Patient seine Schmerzstärke markiert. Links: kein Schmerz, rechts: stärkster Schmerz. Sensibel für Veränderungen, aber schwieriger in der Handhabung als die NRS. Gut geeignet für Verlaufsbeobachtungen.
BESD (Beurteilung von Schmerzen bei Demenz)
Fremdbeobachtungsinstrument für Menschen, die sich verbal nicht mitteilen können. Beobachtet werden fünf Kategorien: Atmung, negative Lautäußerung, Gesichtsausdruck, Körpersprache, Reaktion auf Trost. Score 0 bis 10, ab 4 Punkten besteht Handlungsbedarf.
Gesichterskala (FPS-R)
Sechs Gesichter von lächelnd bis weinend. Geeignet für Kinder ab 4 Jahren und für Erwachsene mit kognitiven Einschränkungen, die Zahlen nicht zuverlässig zuordnen können. Keine Emoji-Skala, sondern die validierte Faces Pain Scale Revised.
WHO-Stufenschema der Schmerztherapie
Stufe 1: Nicht-Opioid-Analgetika
Paracetamol, Metamizol, NSAR (Ibuprofen, Diclofenac). Einsatz bei leichten bis mäßigen Schmerzen. Auf die maximale Tagesdosis achten (Paracetamol max. 4 g/Tag, bei Leberinsuffizienz deutlich weniger). NSAR: Risiko für gastrointestinale Blutungen, Nierenschäden und kardiovaskuläre Ereignisse bei Langzeitanwendung. Koanalgetika (Antidepressiva, Antikonvulsiva) und adjuvante Therapie (Kortikosteroide, Bisphosphonate) können auf jeder Stufe ergänzt werden.
Stufe 2: Schwache Opioide + Nicht-Opioid-Analgetika
Tramadol, Tilidin/Naloxon. Einsatz bei mäßigen bis starken Schmerzen, wenn Stufe 1 nicht ausreicht. Tramadol: Übelkeit häufig, Serotoninsyndrom bei Kombination mit SSRI möglich. Tilidin/Naloxon: Naloxon-Zusatz verhindert Missbrauch (wird bei oraler Einnahme in der Leber abgebaut). Obstipationsprophylaxe beginnen. Nicht-Opioid-Analgetikum weiterführen (additive Wirkung).
Stufe 3: Starke Opioide + Nicht-Opioid-Analgetika
Morphin, Oxycodon, Hydromorphon, Fentanyl (transdermal). Einsatz bei starken bis stärksten Schmerzen. Feste Basismedikation plus Bedarfsmedikation (Rescue-Dosis: in der Regel 1/6 der Tagesdosis). Nebenwirkungsprophylaxe obligat: Laxanzien gegen Obstipation (entwickelt keine Toleranz), Antiemetika in den ersten Tagen. Atemdepression bei korrekter Titration selten. Naloxon als Antidot muss verfügbar sein.
Nicht medikamentöse Interventionen
Lagerung und Positionierung
Schmerzlindernde Lagerung (z.B. Stufenlagerung bei Rückenschmerzen, Hochlagerung bei Schwellung). Mikrolagerung zur Druckentlastung. Positionierung unter Berücksichtigung individueller Bedürfnisse und Schmerzlokalisationen.
Wärme und Kälte
Wärme (Wärmflaschen, warme Wickel): bei muskulären Verspannungen, chronischen Schmerzen, Bauchkrämpfen. Kälte (Kühlpacks, kalte Wickel): bei akuten Verletzungen, Schwellungen, Entzündungen. Immer Hautschutz beachten (Tuch zwischen Applikation und Haut).
Entspannungsverfahren
Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, Atemübungen, geführte Imaginationsreisen. Reduzieren die Schmerzwahrnehmung durch Senkung der Muskelanspannung und Aktivierung des parasympathischen Nervensystems. Können von Pflegefachkräften angeleitet werden.
Ablenkung und sensorische Stimulation
Musik, Gespräche, Beschäftigung mit Interessen, Aromatherapie. Wirken über die Gate-Control-Theorie: Angenehme sensorische Reize können die Schmerzweiterleitung im Rückenmark hemmen. Besonders wirksam bei Kindern und älteren Menschen.
Dokumentation und Verlaufskontrolle
Interventionsgrenze
Selbstcheck: Schmerzmanagement
Kenne ich die Unterschiede zwischen nozizeptivem, neuropathischem und gemischtem Schmerz?
Kann ich NRS, VAS, BESD und Gesichterskala korrekt anwenden und die Ergebnisse dokumentieren?
Weiß ich, welches Assessment-Instrument bei welcher Patientengruppe eingesetzt wird?
Kenne ich das WHO-Stufenschema und kann die Stufen mit typischen Wirkstoffen benennen?
Beobachte ich systematisch Nebenwirkungen der Schmerzmedikation (Obstipation, Übelkeit, Sedierung)?
Setze ich nicht medikamentöse Maßnahmen (Lagerung, Wärme, Kälte, Entspannung) regelmäßig ein?
Dokumentiere ich Schmerzverläufe so, dass Veränderungen sichtbar werden?
Suche ich frühzeitig das Gespräch mit dem ärztlichen Team, wenn die Schmerztherapie nicht ausreicht?
Schmerz ist das, was der Patient sagt, dass es ist, und existiert, wann immer er sagt, dass es existiert.
| Margo McCaffery (1968)
Nächster Schritt: Schmerzmanagement vertiefen
Dennis Tefett, M.Sc.
Pflege- und Neurowissenschaftler. Gründer des Refresher Zentrums. Über 300 Führungskräfte und Praxisanleitende geschult.
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