Was bedeutet faire Beurteilung?
Transparenz
Beurteilungskriterien sind von Beginn an klar formuliert und allen Beteiligten bekannt. Lernende wissen genau, welche Erwartungen an sie gestellt werden und wie ihre Leistung gemessen wird.
Objektivität
Die Bewertung stützt sich auf beobachtbares Verhalten und dokumentierte Leistungen statt auf persönliche Sympathien oder allgemeine Eindrücke. Mehrere Beobachtungssituationen bilden die Grundlage.
Reliabilität
Bei wiederholter Anwendung der gleichen Kriterien durch verschiedene Beurteilende kommen vergleichbare Ergebnisse zustande. Standardisierte Beurteilungsbögen unterstützen dieses Prinzip.
Validität
Die eingesetzten Beurteilungsverfahren messen tatsächlich das, was sie messen sollen. Pflegekompetenz wird in realen Pflegesituationen bewertet, nicht ausschließlich in theoretischen Prüfungen.
Nachvollziehbarkeit
Jede Bewertung ist mit konkreten Beispielen und Beobachtungen belegt, sodass Lernende und Dritte die Einschätzung inhaltlich nachvollziehen und bei Bedarf überprüfen können.
Entwicklungsorientierung
Die Beurteilung dient nicht nur der Leistungsfeststellung, sondern zeigt konkrete Entwicklungspotenziale auf und gibt Impulse für die nächsten Lernschritte auf dem Weg zur beruflichen Kompetenz.
Häufige Beurteilungsfehler
Halo-Effekt
Ein einzelnes herausragendes Merkmal positiv oder negativ überstrahlt die gesamte Beurteilung. Wenn eine Auszubildende beispielsweise besonders freundlich im Patientenkontakt ist, werden möglicherweise fachliche Defizite in der Dokumentation unbewusst milder bewertet. Umgekehrt kann ein einmaliger Fehler dazu führen, dass die gesamte Leistung unterschätzt wird. Dem Halo-Effekt wirken Sie entgegen, indem Sie jedes Kompetenzfeld separat und anhand spezifischer Kriterien bewerten.
Milde-Strenge-Fehler
Manche Beurteilende neigen systematisch zu milden, andere zu strengen Bewertungen unabhängig von der tatsächlichen Leistung der Lernenden. Milde Beurteilende vergeben überdurchschnittlich gute Noten, weil sie Konflikte vermeiden oder den Lernenden nicht entmutigen wollen. Strenge Beurteilende setzen dagegen unrealistisch hohe Maßstäbe, die selbst erfahrene Fachkräfte kaum erreichen würden. Regelmäßiger Austausch mit Kolleginnen und Kollegen über Beurteilungsmaßstäbe hilft, die eigene Tendenz zu erkennen und zu korrigieren.
Ähnlichkeitsfehler
Praxisanleitende bewerten Lernende besser, die ihnen selbst ähnlich sind sei es im Kommunikationsstil, im Arbeitstempo oder in der Persönlichkeit. Auszubildende, die anders arbeiten oder andere Stärken haben, werden unbewusst strenger beurteilt. Dieser Fehler ist besonders tückisch, weil er sich als fachliches Urteil tarnt: Man glaubt, objektiv zu bewerten, projiziert aber eigene Präferenzen auf die Beurteilung.
Kontrasteffekt
Die Beurteilung einer Person wird durch den Vergleich mit der vorherigen Beurteilung verzerrt. Eine durchschnittliche Leistung wirkt nach einer sehr schwachen Leistung besonders gut und umgekehrt. Wenn Sie gerade eine herausragende Auszubildende betreut haben, kann die nachfolgende Lernende im Vergleich schwächer wirken, obwohl ihre Leistung objektiv betrachtet angemessen ist. Jede Beurteilung sollte daher immer am vereinbarten Kompetenzrahmen gemessen werden, nicht am vorherigen Bewertungsergebnis.
Erster-Eindruck-Effekt
Der erste Eindruck, den eine Auszubildende hinterlässt, prägt die gesamte weitere Beurteilung überproportional. Wer am ersten Tag einen souveränen Eindruck macht, profitiert davon über Wochen hinweg. Wer dagegen nervös und unsicher beginnt, muss deutlich mehr leisten, um diesen Eindruck zu korrigieren. Bewusste Zwischenbeurteilungen zu verschiedenen Zeitpunkten des Einsatzes helfen, den Primäreffekt abzumildern und die tatsächliche Entwicklung abzubilden.
Fairness in der Beurteilung ist kein Zufall, sondern eine Kompetenz, die kontinuierlich reflektiert und weiterentwickelt werden muss.
- Legen Sie zu Beginn des Einsatzes gemeinsam mit der oder dem Auszubildenden die Beurteilungskriterien fest und besprechen Sie die Erwartungen an die einzelnen Kompetenzbereiche.
- Führen Sie ein strukturiertes Beobachtungsprotokoll und notieren Sie konkrete Situationen zeitnah nach der Beobachtung, statt sich auf Ihr Gedächtnis zu verlassen.
- Holen Sie Einschätzungen von Kolleginnen und Kollegen ein, die ebenfalls mit der oder dem Auszubildenden zusammenarbeiten, um eine multiperspektivische Beurteilungsgrundlage zu schaffen.
- Unterscheiden Sie klar zwischen beobachtbarem Verhalten und Ihrer Interpretation dieses Verhaltens. Beschreiben Sie in der Beurteilung zunächst die Situation und das Verhalten, bevor Sie bewerten.
- Planen Sie regelmäßige Feedbackgespräche während des gesamten Einsatzes, damit die Abschlussbeurteilung keine Überraschungen enthält und Lernende Gelegenheit zur Entwicklung haben.
Kenne ich meine persönliche Tendenz zur Milde oder Strenge in der Bewertung?
Nutze ich standardisierte Beurteilungsbögen mit klar definierten Kompetenzstufen?
Dokumentiere ich meine Beobachtungen zeitnah und mit konkreten Beispielen?
Habe ich die Beurteilungskriterien zu Beginn des Einsatzes transparent gemacht?
Hole ich bei Unsicherheiten eine Zweitmeinung von Kolleginnen oder Kollegen ein?
Trenne ich in meiner Beurteilung konsequent zwischen Beobachtung und Bewertung?
Gebe ich Lernenden ausreichend Gelegenheit, sich vor der Abschlussbeurteilung zu entwickeln?
Reflektiere ich nach jeder Beurteilung, ob unbewusste Verzerrungen mein Urteil beeinflusst haben könnten?
Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Erhalten Sie neue Fachartikel, Seminar-Updates und exklusive Praxistipps direkt in Ihr Postfach.
Verwandte Fachartikel
Vertiefen Sie Ihr Wissen mit diesen thematisch passenden Artikeln.
Weitere Artikel in Praxisanleitung
Freies Informationsangebot zur eigenständigen Nutzung. Kein Fernunterricht im Sinne des FernUSG. Es findet keine Überwachung des Lernerfolgs statt.