Aus der Praxis
Was ist Validation nach Naomi Feil?
Die vier Phasen der Desorientierung nach Feil
Phase 1: Mangelhafte Orientierung
Die Person ist weitgehend orientiert, leugnet jedoch beginnende Verluste und projiziert innere Konflikte auf die Umgebung. Sie klagt häufig über Diebstahl, Vergiftung oder Vernachlässigung. Die Sprache ist klar, der Blickkontakt vorhanden. Validationstechniken in dieser Phase: aktives Zuhören, offene W-Fragen (Wer, Was, Wo, Wann), Umformulieren (Rephrasing) und das Ansprechen des bevorzugten Sinneskanals.
Phase 2: Zeitverwirrtheit
Das logische Denken lässt nach, Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen. Die Person verwechselt Personen, Orte und Zeiten. Sprache wird unklarer, Bewegungen langsamer. In dieser Phase gewinnen nonverbale Techniken an Bedeutung: Spiegeln von Emotionen und Körperhaltung, Berührung, Augenkontakt, Singen vertrauter Lieder und das Arbeiten mit Mehrdeutigkeit (Ambiguity). Statt nach konkreten Fakten zu fragen, begleiten wir die Gefühle hinter den Worten.
Phase 3: Sich wiederholende Bewegungen
Sprache wird zunehmend durch Bewegungen ersetzt. Die Person wippt, klopft, summt oder streicht wiederholt über Gegenstände. Diese Bewegungen sind oft Ausdruck tief verankerter Erinnerungen oder Bedürfnisse. Validationstechniken: Berührung, Musik, Spiegeln der Bewegungen, Kontakt über den bevorzugten Sinneskanal. Körperliche Nähe und ein ruhiger, melodischer Tonfall sind wichtiger als Worte.
Phase 4: Vegetieren
Die Person zieht sich weitgehend von der Außenwelt zurück. Augen sind häufig geschlossen, Reaktionen auf Ansprache sind minimal. Dennoch können Berührung, vertraute Musik und eine liebevolle Präsenz das Wohlbefinden fördern. In dieser Phase geht es um achtsame Zuwendung: sanfte Berührung an Händen oder Wangen, leises Summen bekannter Melodien und ein respektvoller Umgang mit der Würde des Menschen.
Zentrale Validationstechniken in der Praxis
Centering (Zentrieren)
Bevor die Pflegeperson den Kontakt aufnimmt, sammelt sie sich innerlich. Durch bewusstes Atmen und Loslassen eigener Gedanken wird eine empathische Präsenz hergestellt. Nur wer selbst zentriert ist, kann sich auf die emotionale Welt eines desorientierten Menschen einlassen.
Rephrasing (Umformulieren)
Die Kernaussage der Person wird in eigenen Worten wiederholt, wobei der emotionale Gehalt betont wird. Sagt Frau Hoffmann 'Meine Mutter wartet auf mich', könnte die Pflegeperson antworten: 'Ihre Mutter ist Ihnen sehr wichtig.' So fühlt sich die Person verstanden.
Reminiscing (Erinnern)
Durch gezielte Fragen nach Erinnerungen wird die Person eingeladen, von früher zu erzählen. 'Wie war das, als Ihre Mutter Sie abends ins Bett gebracht hat?' Positive Erinnerungen können Geborgenheit und Ruhe vermitteln.
Genuine close eye contact
Aufrichtiger, naher Blickkontakt signalisiert Interesse und Zuwendung. Besonders in Phase 2 und 3, wenn Worte an Bedeutung verlieren, ist der Blickkontakt ein kraftvolles Mittel der Verbindung. Die Pflegeperson begegnet dem anderen auf Augenhöhe.
Ambiguity (Mehrdeutigkeit)
Wenn die Aussagen der Person unverständlich sind, werden vage Pronomen wie 'er', 'sie', 'das' verwendet, statt nachzufragen. 'Erzählen Sie mir mehr davon.' So bleibt der Gesprächsfluss erhalten, ohne die Person unter Druck zu setzen.
Musik und Berührung
Vertraute Melodien und sanfte Berührung erreichen Menschen in allen Phasen der Desorientierung. Ein Volkslied aus der Kindheit kann Erinnerungen wecken und Wohlbefinden auslösen. Berührung an Händen, Schultern oder Wangen vermittelt Sicherheit und Nähe.
Wenn ein sehr alter Mensch nicht mehr in unserer Realität leben kann, ist es nicht unsere Aufgabe, ihn zurückzuholen. Unsere Aufgabe ist es, ihn dort abzuholen, wo er sich befindet.
| Naomi Feil
Selbstcheck
Kann ich die vier Phasen der Desorientierung nach Feil benennen und unterscheiden?
Kenne ich mindestens fünf Validationstechniken und deren phasengerechten Einsatz?
Bin ich in der Lage, in einer konkreten Situation auf Realitätsorientierung zu verzichten und stattdessen validierend zu reagieren?
Verstehe ich den Unterschied zwischen Validation und bloßem Mitspielen?
Kann ich Centering als Vorbereitung auf einen Validationskontakt anwenden?
Bin ich mir bewusst, welche meiner eigenen Gefühle durch die Arbeit mit desorientierten Menschen ausgelöst werden?
Nächster Schritt: Fortbildung
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