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Symptomkontrolle in der Palliativversorgung

Übelkeit, Atemnot, Angst und Unruhe: Evidenzbasierte Strategien zur Linderung belastender Symptome in der letzten Lebensphase.

DTDennis Tefett|10 Min Lesezeit|Jan 2026Kostenlos
SymptomePalliativLinderungLebensqualität

Aus der Praxis

Herr Richter, 73 Jahre, befindet sich in der letzten Lebensphase bei metastasiertem Bronchialkarzinom. Seit dem Morgen leidet er unter schwerer Atemnot, die ihn in Panik versetzt. Seine Sauerstoffsättigung liegt bei 88 Prozent, aber die Gabe von Sauerstoff bringt keine subjektive Erleichterung. Die Familie steht hilflos am Bett und fragt: „Können Sie denn nichts tun?"

Symptomkontrolle als Kern der Palliativversorgung

Symptomkontrolle ist die systematische Erfassung, Behandlung und Evaluation belastender Symptome bei Patienten mit fortgeschrittenen, lebenslimitierenden Erkrankungen. Die häufigsten Symptome in der Palliativsituation sind Schmerz, Dyspnoe, Übelkeit, Obstipation, Angst und Fatigue. Jedes Symptom beeinträchtigt die Lebensqualität und erfordert eine individuelle, multimodale Behandlungsstrategie. Die pflegerische Beobachtung und Einschätzung ist unverzichtbar, da Symptome fluktuieren und sich im Tagesverlauf verändern.
Validierte Assessmentinstrumente ermöglichen eine systematische Symptomerfassung. Die MIDOS-Skala (Minimales Dokumentationssystem für Palliativpatienten) erfasst die wichtigsten Symptome in einer kompakten Selbsteinschätzung. Die ESAS (Edmonton Symptom Assessment System) bewertet zehn Symptome auf einer visuellen Analogskala. Regelmäßige Assessments (mindestens einmal täglich) ermöglichen die frühzeitige Erkennung von Symptomverschlechterungen und die Evaluation therapeutischer Maßnahmen.

Management zentraler Symptome

Dyspnoe (Atemnot)

Atemnot ist eines der am meisten gefürchteten Symptome. Niedrig dosierte Opioide (Morphin 2,5 bis 5 mg oral oder 1 bis 2 mg subkutan) sind die wirksamste medikamentöse Intervention. Nichtmedikamentöse Maßnahmen: Ventilator oder offenes Fenster (Trigeminusreiz im Gesicht), aufrechte Lagerung, atemerleichternde Positionen (Kutschersitz), beruhigende Präsenz. Sauerstoff hilft nur bei nachgewiesener Hypoxie, nicht bei subjektiver Atemnot ohne Desaturation.

Übelkeit und Erbrechen

Die Ursachenanalyse ist entscheidend für die Therapiewahl. Häufige Ursachen: Opioide (Metoclopramid, Haloperidol), erhöhter Hirndruck (Dexamethason), Obstipation (Laxantien), Angst (Lorazepam). Bei opioidinduzierter Übelkeit tritt häufig nach einigen Tagen eine Toleranzentwicklung ein. Eine prophylaktische Antiemese bei Opioidbeginn kann sinnvoll sein.

Obstipation

Nahezu alle Patienten unter Opioidtherapie entwickeln eine Obstipation, gegen die keine Toleranz entsteht. Eine prophylaktische Laxantiengabe ist daher obligat. Stufenschema: Macrogol oder Natriumpicosulfat als Basis, bei Versagen rektale Maßnahmen (Suppositorien, Klistier). Ausreichende Flüssigkeitszufuhr und Mobilisation unterstützen die Therapie, soweit der Zustand des Patienten dies erlaubt.

Angst und Unruhe

Angst ist ein häufiger Begleiter der letzten Lebensphase. Nichtpharmakologische Maßnahmen stehen an erster Stelle: ruhige Umgebung, vertraute Bezugspersonen, aktives Zuhören, Atemübungen. Bei ausgeprägter Angst können Benzodiazepine (Lorazepam 0,5 bis 1 mg sublingual) eingesetzt werden. Midazolam subkutan oder intranasal ist eine Option bei akuter Angst oder terminaler Unruhe.

Palliative Sedierung

Palliative Sedierung ist die kontrollierte Reduktion des Bewusstseins zur Linderung therapierefraktärer Symptome in der letzten Lebensphase. Sie wird eingesetzt, wenn alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind und der Patient unter unerträglichem Leiden leidet. Typische Indikationen sind therapierefraktäres Delir, unerträgliche Dyspnoe, nicht kontrollierbare Schmerzen oder existenzielles Leiden. Die palliative Sedierung unterscheidet sich grundlegend von der aktiven Sterbehilfe: Ziel ist die Linderung des Leidens, nicht die Herbeiführung des Todes. Die Sedierungstiefe wird an der Symptomkontrolle ausgerichtet und so niedrig wie möglich gehalten. Die Entscheidung zur palliativen Sedierung erfordert eine ethische Reflexion, den Konsens des Behandlungsteams und das informierte Einverständnis des Patienten oder seiner Vertretungsperson.

Palliativmedizin fügt dem Leben nicht Tage hinzu, sondern dem Tag Leben.

Selbstcheck

Kann ich die häufigsten Symptome in der Palliativsituation benennen und deren medikamentöse und nichtmedikamentöse Behandlungsoptionen erklären?

Kenne ich die Assessmentinstrumente MIDOS und ESAS und setze ich sie regelmäßig ein?

Weiß ich, warum niedrig dosierte Opioide bei Dyspnoe wirksam sind, auch wenn keine Schmerzen vorliegen?

Ist mir bewusst, dass die prophylaktische Laxantiengabe bei Opioidtherapie obligat ist?

Kann ich die Indikationen und ethischen Voraussetzungen der palliativen Sedierung erläutern?

Kenne ich den Unterschied zwischen palliativer Sedierung und aktiver Sterbehilfe?

Dokumentiere ich Symptomverläufe systematisch und leite daraus therapeutische Konsequenzen ab?

Nächster Schritt: Fortbildung

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DT

Dennis Tefett, M.A.

Gesundheitsmanager & Neurowissenschaftler. Gründer des Refresher Zentrums. Über 300 Führungskräfte und Praxisanleitende geschult.

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