Aus der Praxis
Schmerzverständnis in der Palliativversorgung
Das WHO-Stufenschema der Schmerztherapie
Stufe 1: Nicht-Opioid-Analgetika
Paracetamol, Metamizol, NSAR (Ibuprofen, Diclofenac). Eingesetzt bei leichten Schmerzen (NRS 1 bis 3). Auch in den höheren Stufen werden Nicht-Opioide als Basismedikation beibehalten, da sie den Opioidbedarf reduzieren (opioid-sparender Effekt). Zu beachten: NSAR sind bei eingeschränkter Nierenfunktion und gastrointestinalen Risiken kontraindiziert.
Stufe 2: Schwache Opioide
Tramadol, Tilidin/Naloxon, Codein. Eingesetzt bei mäßigen Schmerzen (NRS 4 bis 6), wenn Stufe 1 nicht ausreicht. In der Palliativmedizin wird Stufe 2 häufig übersprungen und direkt mit niedrig dosierten starken Opioiden begonnen, da diese besser steuerbar und wirksamer sind. Die Ceiling-Wirkung schwacher Opioide begrenzt deren Nutzen bei Tumorschmerzen.
Stufe 3: Starke Opioide
Morphin, Hydromorphon, Oxycodon, Fentanyl (transdermal), Buprenorphin. Eingesetzt bei starken bis stärksten Schmerzen (NRS 7 bis 10). Die Dosierung wird individuell titriert, es gibt keine Maximaldosis. Eine retardierte Basismedikation ('around the clock') wird mit einer schnell wirksamen Bedarfsmedikation für Durchbruchschmerzen kombiniert. Die Bedarfsdosis beträgt in der Regel ein Sechstel der Tagesdosis.
Durchbruchschmerz und Opioidrotation
Mythos: Opioide machen süchtig
Bei korrekter Anwendung zur Schmerztherapie ist das Suchtrisiko minimal (unter 1 Prozent). Physische Abhängigkeit (Entzugssymptome bei abruptem Absetzen) ist nicht mit Sucht gleichzusetzen. Die Angst vor Sucht darf niemals dazu führen, dass Patienten unnötig leiden.
Mythos: Opioide beschleunigen das Sterben
Korrekt dosierte Opioide verkürzen das Leben nicht. Die Angst vor Atemdepression bei schrittweiser Dosissteigerung ist unbegründet, da Schmerzpatienten schnell eine Toleranz gegenüber dem atemdepressiven Effekt entwickeln. Eine angemessene Schmerztherapie verbessert die Lebensqualität und kann sogar lebensverlängernd wirken.
Der Schmerz des Sterbenden ist nicht allein ein körperlicher. Es ist ein Schmerz, der den ganzen Menschen erfasst, und nur wenn wir den ganzen Menschen sehen, können wir ihm helfen.
| Cicely Saunders
Selbstcheck
Kann ich das Konzept 'Total Pain' nach Cicely Saunders erklären und auf eine Patientensituation anwenden?
Kenne ich die drei Stufen des WHO-Stufenschemas und die gängigen Medikamente jeder Stufe?
Weiß ich, wie eine Bedarfsmedikation für Durchbruchschmerzen berechnet und angewendet wird?
Kann ich die Prinzipien der Opioidrotation erklären?
Bin ich in der Lage, Schmerzen bei nicht-kommunikationsfähigen Patienten mittels BPS oder BESD zu erfassen?
Kenne ich die häufigsten Opioid-Mythen und kann sie im Gespräch mit Patienten und Angehörigen entkräften?
Dokumentiere ich Schmerzverlauf, Bedarfsmedikation und Nebenwirkungen systematisch?
Nächster Schritt: Fortbildung
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