Fallbeispiele als Prüfungsformat verstehen
- Situation vollständig lesen: Markieren Sie alle relevanten Informationen (Diagnose, Alter, Symptome, soziale Situation, Ressourcen).
- Aufgabenstellung genau analysieren: Was wird konkret gefragt? Pflegediagnose, Ziele, Maßnahmen, Begründung?
- Strukturiert antworten: Nutzen Sie den Pflegeprozess als Gliederung. Formulieren Sie Pflegediagnosen im PES-Format, Ziele als SMART-Ziele.
- Fachlich begründen: Jede Maßnahme muss begründet werden. Verweisen Sie auf Standards, Leitlinien oder pathophysiologische Zusammenhänge.
- Ressourcen einbeziehen: Benennen Sie neben Problemen auch Ressourcen und beziehen Sie diese in die Planung ein.
Fall 1: Postoperative Versorgung nach Hüft-TEP
PD 1: Beeinträchtigte körperliche Mobilität b/d postoperative Schmerzen und Angst vor Belastung des operierten Beins a/d Aussage "Ich traue mich nicht, das Bein zu bewegen" und NRS 6/10. Ziel: Frau Schulz mobilisiert sich bis Tag 3 postoperativ mit Unterarmgehstützen und Unterstützung einer Pflegeperson über eine Strecke von 10 Metern. Maßnahmen: (1) Schmerzmedikation 30 Minuten vor Mobilisation verabreichen (Begründung: Schmerzfreiheit ist Voraussetzung für Mobilisation); (2) Mobilisation nach Stufenschema: Bettkante Stehen Gehen mit Begleitung (Begründung: schrittweiser Belastungsaufbau fördert Sicherheit und Vertrauen); (3) Patientin über erlaubte Bewegungsausmaße und Luxationsprophylaxe aufklären (Begründung: Wissen reduziert Angst und fördert Kooperation).
PD 2: Thromboserisiko b/d postoperative Immobilisation und operativem Eingriff a/d Risikofaktoren (Alter, OP, Immobilität). Ziel: Frau Schulz zeigt während des stationären Aufenthalts keine Thrombosezeichen. Maßnahmen: (1) Thromboseprophylaxestrümpfe korrekt anlegen und tragen lassen; (2) Heparin s.c. nach Anordnung verabreichen; (3) Beinübungen im Bett anleiten (Fußkreisen, Muskelanspannung).
Ressourcen: Prä-operative Selbstständigkeit mit Rollator, hohe Motivation zur Genesung, stabile soziale Kontakte (Tochter besucht regelmäßig).
Fall 2: Pflege bei fortgeschrittener Demenz
PD: Chronische Verwirrtheit b/d neurodegenerativen Prozess (Alzheimer-Demenz) a/d zeitlicher und örtlicher Desorientierung, abendlicher Unruhe, Verlust alltagspraktischer Fähigkeiten. Ziel: Herr Weber zeigt innerhalb der nächsten zwei Wochen eine Reduktion der abendlichen Unruhephasen und findet sein Zimmer mithilfe der Orientierungshilfen. Maßnahmen: (1) Biographieorientierte Tagesgestaltung: Werkangebote mit Holz einbinden, um an vertraute Aktivitäten anzuknüpfen (Begründung: Biographiearbeit aktiviert Langzeitgedächtnis und gibt Sicherheit); (2) Orientierungshilfen anbringen: Foto an der Zimmertür, farbliche Markierungen im Flur, strukturierter Tagesablauf mit festen Ritualen (Begründung: externe Orientierungshilfen kompensieren kognitive Defizite); (3) Abendritual einführen: ruhige Atmosphäre, vertraute Musik, warmes Getränk (Begründung: Sundowning-Symptomatik wird durch Reizreduktion und Ritualisierung gemildert).
Fall 3: Diabetes-Management im ambulanten Setting
Problem 1: Wundheilungsstörung (Fußulkus Wagner 2) bei unzureichender Blutzuckereinstellung. Maßnahmen: (1) Phasengerechte Wundversorgung nach ärztlicher Anordnung; (2) tägliche Wundinspektion und Dokumentation (Größe, Tiefe, Belag, Exsudat); (3) Druckentlastung des betroffenen Fußes.
Problem 2: Non-Adhärenz bei der Insulintherapie (abendliche Dosis wird häufig vergessen). Maßnahmen: (1) Gemeinsam Erinnerungshilfen entwickeln (Handyalarm, feste Koppelung an Abendroutine); (2) Insulinpen-Technik überprüfen und bei Bedarf nachschulen; (3) Mikroschulung für das Ehepaar: Zusammenhang zwischen Blutzucker, Ernährung und Wundheilung erklären, gemeinsam alltagstaugliche Ernährungsanpassungen planen.
Fall 4: Sturzprävention bei geriatrischem Patienten
Risikofaktoren: Alter, Sturzereignis in der Anamnese, Polypharmazie (insbes. Sedativum und Diuretikum), eingeschränkter Visus, postoperative Mobilisationseinschränkung, häusliche Sturzfallen. Ziel stationär: Herr Nowak erleidet während des Aufenthalts keinen weiteren Sturz. Maßnahmen stationär: (1) Sturzrisikoassessment bei Aufnahme (Morse Fall Scale); (2) Medikamentenreview anregen (Sedativum hinterfragen); (3) Nachtlicht im Zimmer, Klingel in Reichweite, rutschfeste Schuhe.
Ziel Entlassung: Herr Nowak verfügt bei Entlassung über Hilfsmittel und ein angepasstes häusliches Umfeld. Maßnahmen Entlassung: (1) Wohnraumanpassung empfehlen (Teppiche entfernen, Beleuchtung verbessern, Haltegriffe); (2) Augenarzttermin veranlassen; (3) ambulante Physiotherapie organisieren, Rollator-Training.
Fall 5: Dekubitusmanagement auf der Intensivstation
Pathophysiologische Begründung: Septischer Schock führt zu Mikrozirkulationsstörungen und Gewebshypoxie. Katecholamine verschlechtern die periphere Durchblutung. Unterernährung (BMI 18,2) beeinträchtigt die Gewebeintegrität. Sedierung verhindert Eigenbewegung. Beatmung reduziert die Mobilisationsmöglichkeit.
Maßnahmen: (1) Wechseldruckmatratze oder Mikrostimulationssystem einsetzen; (2) 2-stündliche Lagerung nach Zeitplan (30-Grad-Schräglagerung, Mikrolagerung mit Kissen); (3) Hautzustand mindestens einmal pro Schicht inspizieren und dokumentieren (Fingertest); (4) Druckentlastung am Sakrum durch Freilagern der Fersen; (5) Ernährungsstatus optimieren (hochkalorische Sondennahrung, eiweißreich, ggf. Ernährungsberatung); (6) Hautreinigung mit pH-neutralen Produkten, keine Massage über Rötung.
Fall 6: Pneumonieprophylaxe und -pflege
PD: Ineffektive Atemwegsclearance b/d Hemiparese-bedingte Husteninsuffizienz und Dysphagie a/d schwachem Hustenstoß, SpO2 92 %, AF 22/min. Maßnahmen: (1) V.A.T.I.-Lagerung zur Belüftungsförderung aller Lungenabschnitte; (2) Atemstimulierende Einreibung und Kontaktatmung durchführen; (3) Absaugbereitschaft sicherstellen; (4) Aspirationsprophylaxe: Nahrung und Flüssigkeiten nur nach logopädischer Freigabe und in angepasster Konsistenz verabreichen; (5) Oberkörperhochlagerung (mind. 30 Grad) auch nach dem Essen mindestens 30 Minuten beibehalten; (6) Mundpflege intensivieren, da mangelnde Mundhygiene ein Pneumonierisiko darstellt.
Fall 7: Chronischer Schmerz bei Tumorerkrankung
PD: Chronischer Schmerz b/d ossäre Metastasen a/d NRS 7 bis 9/10, Immobilität, Schlafstörungen, sozialem Rückzug. Priorität: Schmerztherapie ist unzureichend (WHO-Stufe I reicht bei Tumorschmerz mit NRS 7+ nicht aus). Maßnahmen: (1) Schmerzassessment systematisch durchführen (NRS, Schmerztagebuch, Schmerzlokalisation, Schmerzqualität); (2) Ärztliche Rücksprache zur Eskalation der Schmerztherapie nach WHO-Stufenschema (Stufe III: starke Opioide indiziert); (3) Nicht-medikamentöse Schmerztherapie ergänzen: Lagerung, Wärmeapplikation, Ablenkung, Entspannungsverfahren; (4) Psychosoziale Betreuung: Gespräche über Ängste und Zukunftssorgen, Sozialdienst einschalten; (5) Schlafhygiene fördern: schmerzadaptierte Nachtmedikation, ruhige Umgebung.
Fall 8: Palliative Versorgung am Lebensende
Pflegerische Prioritäten in der Sterbephase:(1) Patientenverfügung respektieren: keine invasiven Maßnahmen, kein Krankenhaustransport. (2) Symptomkontrolle: Mundpflege statt Infusion (Flüssigkeitsgabe kann in der Sterbephase das Leiden verstärken durch Lungenödem), Lagerung zur Atemerleichterung, Schmerzmedikation nach Bedarf (s.c. oder transdermal bei Schluckunfähigkeit). (3) Angehörigenbegleitung: Raum und Zeit für Abschiednahme, über Sterbeprozess informieren, emotionale Unterstützung. (4) Symptome der Sterbephase erkennen und lindern: Rasselatmung (Lagerung, ggf. Scopolamin), Unruhe (Midazolam s.c. nach ärztlicher Anordnung), Schmerzen. (5) Würdevolle Umgebung schaffen: ruhiges Zimmer, Lieblingsmusik, vertraute Gegenstände.
Fall 9: Pflege eines Kindes mit Asthma bronchiale
Akutversorgung: (1) Oberkörperhochlagerung, atemerleichternde Position (Kutschersitz kindgerecht); (2) Sauerstoffgabe nach Anordnung; (3) Inhalationstherapie mit Bronchodilatator nach Anordnung; (4) Vitalzeichen-Monitoring (SpO2, AF, Puls); (5) Beruhigung des Kindes und der Mutter (Angst verstärkt die Dyspnoe).
Edukation: (1) Inhalationstechnik mit Leon und der Mutter üben (Spacer verwenden, Atemmanöver demonstrieren); (2) Ampelschema erklären (grün gelb rot: Wann welches Medikament anwenden); (3) Triggervermeidung besprechen (Allergene, Kälte, Anstrengung); (4) Asthma-Tagebuch einführen; (5) Angst vor Anfällen thematisieren: Sicherheit durch Wissen und Handlungsplan vermitteln.
Fall 10: Psychiatrische Pflege bei akuter Psychose
Pflegerische Prioritäten: (1) Sicherheit gewährleisten: für Patienten, Mitpatienten und Personal. Reizarme Umgebung schaffen, keine konfrontative Gesprächsführung, Rückzugsmöglichkeiten bieten. (2) Beziehungsaufbau: klare, kurze Sätze, vorhersehbar handeln, Wahnerleben nicht bestätigen, aber auch nicht dagegen argumentieren. Stattdessen: "Ich kann verstehen, dass Sie sich bedroht fühlen. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen." (3) Medikamenten-Compliance: Verordnete Antipsychotika (z. B. Risperidon) verabreichen, Einnahme sicherstellen, auf Nebenwirkungen achten (extrapyramidale Symptome, metabolische Effekte). (4) Verhaltensbeobachtung dokumentieren: Stimmung, Wahnintensität, Halluzinationen, Schlaf, Nahrungsaufnahme, Suizidalität und Fremdgefährdung. (5) Bei Eskalation: Deeskalationstechniken anwenden, bei akuter Gefahr: Notfallteam rufen, ggf. richterlich genehmigte Fixierung als Ultima Ratio.
Rechtliche Aspekte: Freiwilligkeit prüfen, Unterbringung nach PsychKG nur bei Selbst- oder Fremdgefährdung, Fixierung erfordert richterliche Genehmigung nach § 1831 BGB.
Allgemeine Prüfungsstrategie für Fallbeispiele
Schritt 1: Situation erfassen (5 Minuten)
Lesen Sie die Fallbeschreibung zweimal. Markieren Sie beim zweiten Lesen: medizinische Diagnosen, aktuelle Symptome, Risikofaktoren, Ressourcen und soziale Situation. Erstellen Sie einen mentalen Überblick: Was ist das zentrale pflegerische Problem?
Schritt 2: Aufgabenstellung analysieren (3 Minuten)
Lesen Sie jede Teilaufgabe sorgfältig. Wie viele Pflegediagnosen, Ziele oder Maßnahmen werden gefordert? Ist eine Begründung verlangt? Achten Sie auf Schlüsselwörter: 'begründen Sie', 'erläutern Sie', 'benennen Sie'.
Schritt 3: Gliederung erstellen (5 Minuten)
Erstellen Sie eine Gliederung Ihrer Antwort. Ordnen Sie Ihre Gedanken nach dem Pflegeprozess. Notieren Sie Stichworte für jede Teilaufgabe. Eine gute Gliederung spart Zeit beim Ausformulieren.
Schritt 4: Ausformulieren (60 bis 90 Minuten)
Schreiben Sie strukturiert und in ganzen Sätzen. Verwenden Sie Fachbegriffe korrekt. Begründen Sie Maßnahmen pathophysiologisch oder mit Verweis auf Standards. Achten Sie auf das PES-Format bei Pflegediagnosen und SMART bei Zielen.
Schritt 5: Kontrolle (10 Minuten)
Lesen Sie Ihre Antwort nochmals durch. Prüfen Sie: Habe ich alle Teilaufgaben beantwortet? Sind die Pflegediagnosen vollständig im PES-Format? Sind die Ziele überprüfbar? Sind die Maßnahmen begründet? Habe ich Ressourcen benannt?
In der Prüfung gewinnt nicht, wer am meisten weiß, sondern wer sein Wissen am besten auf die Situation anwenden kann.
Kann ich ein Fallbeispiel systematisch bearbeiten und meine Antwort nach dem Pflegeprozess strukturieren?
Beherrsche ich die PES-Formulierung für Pflegediagnosen sicher und kann sie auf verschiedene Situationen anwenden?
Kann ich SMART-Ziele formulieren, die überprüfbar und realistisch sind?
Bin ich in der Lage, pflegerische Maßnahmen fachlich zu begründen?
Kenne ich die häufigsten Fallthemen (postoperativ, Demenz, Diabetes, Sturz, Dekubitus) und deren pflegerische Schwerpunkte?
Habe ich das Zeitmanagement für die schriftliche Prüfung geübt (120 Minuten pro Aufsichtsarbeit)?
Kann ich neben Problemen auch Ressourcen identifizieren und in die Planung einbeziehen?
Habe ich mindestens fünf Fallbeispiele selbstständig bearbeitet und meine Lösungen mit dem Lösungshinweis verglichen?
Testen Sie Ihr Wissen zum Artikel
Die Fragen werden bei jedem Durchgang neu zusammengestellt.
Bei einem Patienten mit Dekubitus Grad II am Kreuzbein: Welche Maßnahme ist am wichtigsten?
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