Aus der Praxis
Was ist Biografiearbeit und warum ist sie unverzichtbar?
Der Biografiebogen: Aufbau und Inhalte
Kindheit und Jugend
Geburtsort, Geschwister, Elternhaus, Schulzeit, Spielkameraden, prägende Erlebnisse, Lieblingsspiele. Diese frühen Erinnerungen bleiben bei Demenz oft am längsten erhalten und bieten wertvolle Anknüpfungspunkte für Aktivierung und Kommunikation.
Beruf und Arbeitsleben
Ausbildung, Beruf, Arbeitsroutinen, Kollegen, berufliche Erfolge und Herausforderungen. Berufliche Identität prägt einen Menschen tief. Ehemalige Hausfrauen falten gern Wäsche, ehemalige Handwerker greifen nach Werkzeug, ehemalige Lehrerinnen freuen sich über Bücher.
Familie und soziales Umfeld
Partnerschaften, Kinder, Enkel, Freundschaften, soziale Rollen, Verlusterfahrungen. Die familiäre Situation gibt Aufschluss über wichtige Bezugspersonen, aber auch über mögliche Konflikte oder unverarbeitete Trauer, die das Verhalten beeinflussen können.
Gewohnheiten und Vorlieben
Essgewohnheiten, Tagesrhythmus, Lieblingsmusik, Hobbys, religiöse Praktiken, Haustiere. Diese Informationen ermöglichen eine individuelle Tagesgestaltung, die dem Bewohner Vertrautheit und Sicherheit vermittelt.
Methoden der biografischen Informationsgewinnung
Das Biografiegespräch mit Angehörigen
Angehörige sind die wichtigste Informationsquelle, besonders wenn der Bewohner selbst nicht mehr auskunftsfähig ist. Das Gespräch sollte in ruhiger Atmosphäre stattfinden und als wertschätzender Austausch gestaltet werden, nicht als Abfrage. Offene Fragen ('Erzählen Sie mir von ...') laden zum Erzählen ein. Empathisches Zuhören und das Signal, dass jede Information wertvoll ist, fördern die Bereitschaft der Angehörigen. Mehrere kürzere Gespräche sind oft ergiebiger als ein langes.
Beobachtung im Alltag
Viele biografische Hinweise zeigen sich im Verhalten: Wie reagiert der Bewohner auf Musik? Welche Gegenstände nimmt er gern in die Hand? Welche Situationen lösen Unruhe aus? Welche Rituale beruhigen? Die systematische Beobachtung und Dokumentation im Alltag ergänzt die Informationen aus dem Biografiegespräch und macht deutlich, was in der Vergangenheit bedeutsam war.
Das Lebensgeschichte-Portfolio
Ein individuelles Portfolio mit Fotos, Erinnerungsstücken, Lieblingsrezepten, Liedtexten und handschriftlichen Notizen wird zusammen mit dem Bewohner und den Angehörigen gestaltet. Es dient als Gesprächsgrundlage, als Aktivierungshilfe und als Orientierungshilfe für neue Teammitglieder. Das Portfolio sollte leicht zugänglich sein und regelmäßig ergänzt werden.
Erinnerungspflege im Betreuungsalltag
Biografisches Wissen wird aktiv in die Tagesgestaltung integriert: vertraute Musik beim Aufstehen, das Lieblingsgetränk am Nachmittag, Gespräche über frühere Hobbys, Dekoration des Zimmers mit persönlichen Gegenständen. Jeder Kontakt mit dem Bewohner bietet die Gelegenheit, biografisches Wissen einzusetzen und neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Biografische Trigger: Was Sie vermeiden sollten
Wer die Lebensgeschichte eines Menschen kennt, versteht sein Verhalten. Wer sein Verhalten versteht, kann ihm gerecht werden.
Selbstcheck
Kenne ich die zentralen Lebensstationen und Vorlieben meiner Bewohnerinnen und Bewohner?
Nutze ich biografisches Wissen aktiv bei der Gestaltung von Aktivierungsangeboten?
Führe ich Biografiegespräche mit Angehörigen wertschätzend und systematisch?
Dokumentiere ich biografische Erkenntnisse so, dass auch neue Teammitglieder darauf zugreifen können?
Bin ich mir möglicher biografischer Trigger bewusst und kommuniziere ich diese im Team?
Integriere ich biografisches Wissen in die tägliche Betreuung (Musik, Rituale, Gespräche)?
Ergänze ich die Biografie kontinuierlich durch neue Beobachtungen und Informationen?
Nächster Schritt: Fortbildung
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