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Biografiearbeit als Betreuungskraft: Der Schlüssel zur individuellen Begleitung

Wie Betreuungskräfte durch gezielte Biografiearbeit individuelle Betreuungsangebote gestalten und die Lebensqualität der Bewohner steigern.

DTDennis Tefett|9 Min Lesezeit|Feb 2026Kostenlos
BiografiearbeitBetreuungMethodik
🎯

Aus der Praxis

Als die neue Betreuungskraft Anna die Akte von Herrn Schuster liest, entdeckt sie einen Hinweis, dass er früher Klavierlehrer war. Am nächsten Tag bringt sie ein kleines Keyboard in den Aufenthaltsraum. Herr Schuster, der seit Monaten kaum ein Wort gesprochen hat, beginnt zu spielen und summt eine Melodie. Sein ganzes Wesen verändert sich. Das Pflegeteam ist berührt und erkennt, wie wenig es bisher über seine Lebensgeschichte gewusst hat.

Was ist Biografiearbeit und warum ist sie unverzichtbar?

Biografiearbeit bedeutet, die Lebensgeschichte eines Menschen systematisch zu erfassen und als Grundlage für die individuelle Betreuung und Pflege zu nutzen. Jeder Mensch bringt eine einzigartige Geschichte mit: Erfahrungen, Gewohnheiten, Vorlieben, Abneigungen, Werte und prägende Erlebnisse, die sein Verhalten, seine Bedürfnisse und seine Reaktionen auch im hohen Alter und bei Demenz wesentlich beeinflussen. Ohne biografisches Wissen bleibt die Betreuung oberflächlich und kann unbeabsichtigt an den tatsächlichen Bedürfnissen vorbeigehen.
In der Praxis zeigt sich der Wert der Biografiearbeit täglich: Ein Bewohner, der nachts nicht schlafen kann, war vielleicht jahrzehntelang Schichtarbeiter. Eine Bewohnerin, die bei der Körperpflege aggressiv reagiert, hat möglicherweise traumatische Erfahrungen gemacht. Ein Bewohner, der das Essen verweigert, ist möglicherweise an eine bestimmte Esskultur gewöhnt. Biografiearbeit liefert Erklärungen für Verhaltensweisen und eröffnet neue Handlungsoptionen.

Der Biografiebogen: Aufbau und Inhalte

Kindheit und Jugend

Geburtsort, Geschwister, Elternhaus, Schulzeit, Spielkameraden, prägende Erlebnisse, Lieblingsspiele. Diese frühen Erinnerungen bleiben bei Demenz oft am längsten erhalten und bieten wertvolle Anknüpfungspunkte für Aktivierung und Kommunikation.

Beruf und Arbeitsleben

Ausbildung, Beruf, Arbeitsroutinen, Kollegen, berufliche Erfolge und Herausforderungen. Berufliche Identität prägt einen Menschen tief. Ehemalige Hausfrauen falten gern Wäsche, ehemalige Handwerker greifen nach Werkzeug, ehemalige Lehrerinnen freuen sich über Bücher.

Familie und soziales Umfeld

Partnerschaften, Kinder, Enkel, Freundschaften, soziale Rollen, Verlusterfahrungen. Die familiäre Situation gibt Aufschluss über wichtige Bezugspersonen, aber auch über mögliche Konflikte oder unverarbeitete Trauer, die das Verhalten beeinflussen können.

Gewohnheiten und Vorlieben

Essgewohnheiten, Tagesrhythmus, Lieblingsmusik, Hobbys, religiöse Praktiken, Haustiere. Diese Informationen ermöglichen eine individuelle Tagesgestaltung, die dem Bewohner Vertrautheit und Sicherheit vermittelt.

Methoden der biografischen Informationsgewinnung

1

Das Biografiegespräch mit Angehörigen

Angehörige sind die wichtigste Informationsquelle, besonders wenn der Bewohner selbst nicht mehr auskunftsfähig ist. Das Gespräch sollte in ruhiger Atmosphäre stattfinden und als wertschätzender Austausch gestaltet werden, nicht als Abfrage. Offene Fragen ('Erzählen Sie mir von ...') laden zum Erzählen ein. Empathisches Zuhören und das Signal, dass jede Information wertvoll ist, fördern die Bereitschaft der Angehörigen. Mehrere kürzere Gespräche sind oft ergiebiger als ein langes.

2

Beobachtung im Alltag

Viele biografische Hinweise zeigen sich im Verhalten: Wie reagiert der Bewohner auf Musik? Welche Gegenstände nimmt er gern in die Hand? Welche Situationen lösen Unruhe aus? Welche Rituale beruhigen? Die systematische Beobachtung und Dokumentation im Alltag ergänzt die Informationen aus dem Biografiegespräch und macht deutlich, was in der Vergangenheit bedeutsam war.

3

Das Lebensgeschichte-Portfolio

Ein individuelles Portfolio mit Fotos, Erinnerungsstücken, Lieblingsrezepten, Liedtexten und handschriftlichen Notizen wird zusammen mit dem Bewohner und den Angehörigen gestaltet. Es dient als Gesprächsgrundlage, als Aktivierungshilfe und als Orientierungshilfe für neue Teammitglieder. Das Portfolio sollte leicht zugänglich sein und regelmäßig ergänzt werden.

4

Erinnerungspflege im Betreuungsalltag

Biografisches Wissen wird aktiv in die Tagesgestaltung integriert: vertraute Musik beim Aufstehen, das Lieblingsgetränk am Nachmittag, Gespräche über frühere Hobbys, Dekoration des Zimmers mit persönlichen Gegenständen. Jeder Kontakt mit dem Bewohner bietet die Gelegenheit, biografisches Wissen einzusetzen und neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Biografische Trigger: Was Sie vermeiden sollten

Biografiearbeit kann auch schwierige Erinnerungen berühren. Kriegserlebnisse, Flucht, Verlust von Kindern, Gewalt oder Missbrauch sind Themen, die mit großer Sensibilität behandelt werden müssen. Bestimmte Reize können als Trigger wirken und Angst, Panik oder Aggression auslösen: laute Geräusche bei Kriegstraumatisierten, enge Räume bei Personen mit Gewalterfahrung, bestimmte Gerüche oder Berührungen. Die Kenntnis möglicher Trigger ist ebenso wichtig wie die Kenntnis positiver biografischer Anknüpfungspunkte. Im Team sollte offen kommuniziert werden, welche Themen bei welchen Bewohnern vermieden werden sollten.

Wer die Lebensgeschichte eines Menschen kennt, versteht sein Verhalten. Wer sein Verhalten versteht, kann ihm gerecht werden.

Selbstcheck

Kenne ich die zentralen Lebensstationen und Vorlieben meiner Bewohnerinnen und Bewohner?

Nutze ich biografisches Wissen aktiv bei der Gestaltung von Aktivierungsangeboten?

Führe ich Biografiegespräche mit Angehörigen wertschätzend und systematisch?

Dokumentiere ich biografische Erkenntnisse so, dass auch neue Teammitglieder darauf zugreifen können?

Bin ich mir möglicher biografischer Trigger bewusst und kommuniziere ich diese im Team?

Integriere ich biografisches Wissen in die tägliche Betreuung (Musik, Rituale, Gespräche)?

Ergänze ich die Biografie kontinuierlich durch neue Beobachtungen und Informationen?

🎯

Nächster Schritt: Fortbildung

Vertiefen Sie Ihr Wissen in unserer Fortbildung für Betreuungskräfte. Im Modul Biografiearbeit lernen Sie, Lebensgeschichten professionell zu erheben, Trigger zu erkennen und biografisches Wissen systematisch in Ihre Betreuungsarbeit zu integrieren. Die Fortbildung erfüllt die Anforderungen nach § 53b SGB XI. Jetzt informieren unter /kurse-betreuungskraefte.

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