Refresher Zentrum · Fachhandout C Intensiv · zum Selbsteinlesen

Das Delir auf der Intensivstation

Wenn der wichtigste Zeuge nicht sprechen kann
Beispielsituation Intensiv · Beispielkurs · Weiterbildung Intensivpflege · Lesezeit rund 35 Minuten

Sie kennen Frau Brinkmann aus der Beispielsituation: 78 Jahre, zierlich, nach ihrer Hüftprothese entwickelte sie am zweiten Abend ein Delir, das früh erkannt und gut behandelt wurde. Jetzt die Fortsetzung: In der Nacht kommt es zu einer Nachblutung, Frau Brinkmann muss erneut in den OP und liegt anschließend beatmet und sediert auf Ihrer Intensivstation. Alles, was Sie über das Delir wissen, gilt hier weiter, und gleichzeitig ändern sich die Spielregeln: Ihre Patientin kann nicht mehr erzählen, wo sie ist und was sie erlebt. Die Umgebung ist laut, hell und ohne Tag und Nacht. Genau deshalb ist das Delir auf der Intensivstation so häufig, wird so oft übersehen und ist so sehr ein Pflegethema.

1. Warum die Intensivstation ein Delir-Brennpunkt ist

Auf der Intensivstation treffen die stärksten Delir-Auslöser gebündelt aufeinander: schwere Erkrankung und Operation, Schmerzen, sedierende Medikamente, Beatmung, Immobilität, invasive Zugänge, Infektionen, dazu Lärm, Licht, ständige Weckreize und der Verlust jeder vertrauten Orientierung. Beatmete Patientinnen und Patienten trifft es besonders häufig. Für die Betroffenen ist das Delir kein harmloser Nebenschauplatz: Es verlängert Beatmung und Aufenthalt, erhöht das Risiko für bleibende kognitive Folgen und die Sterblichkeit. Die gute Nachricht bleibt dieselbe wie auf der Normalstation: Ein großer Teil der Auslöser liegt im direkten Einflussbereich der Pflege.

Merke

Auf der Intensivstation gilt der Grundsatz doppelt: Das Delir ist ein Symptom, kein Schicksal. Wer Risiko senkt, Screening ernst nimmt und Ursachen sucht, verändert den Verlauf, und die meisten dieser Hebel bedient die Pflege.

2. Erst die Sedierung einordnen: die RASS

Bevor Sie auf der Intensivstation über ein Delir urteilen können, brauchen Sie eine gemeinsame Sprache für die Wachheit. Die Richmond Agitation-Sedation Scale (RASS) beschreibt den Zustand von +4 (streitlustig, gewalttätig) über 0 (wach und ruhig) bis -5 (nicht erweckbar). Angestrebt wird bei den meisten Patientinnen und Patienten ein leichter Bereich um 0 bis -2, tief sediert nur, wenn es medizinisch nötig ist.

Die RASS ist der Türsteher des Delir-Screenings: Bei RASS -4 und -5 ist keine Delir-Beurteilung möglich, die Patientin ist schlicht nicht erweckbar. Ab RASS -3 und wacher kann und soll gescreent werden. Und eine RASS, die vom Ziel abweicht oder stark schwankt, ist selbst schon ein Warnzeichen.

3. Das CAM-ICU Schritt für Schritt

Auf der Normalstation haben Sie Frau Brinkmann Fragen gestellt. Beatmet und mit Tubus kann sie nicht antworten, aber sie kann zuhören, nicken und Ihre Hand drücken. Genau darauf baut das CAM-ICU, das Delir-Screening für die Intensivstation. Es prüft vier Merkmale:

  1. Akuter Beginn oder schwankender Verlauf: Hat sich der geistige Zustand akut verändert oder schwankte er in den letzten 24 Stunden? Hier zählt Ihre Beobachtung über die Schicht und die Übergabe.
  2. Aufmerksamkeitsstörung: Der Buchstaben-Test: Sie buchstabieren langsam ein Wort wie A N A N A S B A U M und bitten die Patientin, bei jedem A Ihre Hand zu drücken. Mehr als zwei Fehler sprechen für eine Aufmerksamkeitsstörung.
  3. Veränderte Bewusstseinslage: Ist die aktuelle RASS ungleich 0?
  4. Unorganisiertes Denken: Vier einfache Ja-Nein-Fragen (etwa: Schwimmt ein Stein auf dem Wasser?) plus eine einfache Aufforderung mit den Fingern.

Das Ergebnis: Ein Delir liegt vor, wenn Merkmal 1 UND Merkmal 2 positiv sind, zusammen mit Merkmal 3 ODER Merkmal 4. Dokumentiert wird das Ergebnis mindestens einmal pro Schicht und immer bei Zustandsänderung.

Häufige Fehlerquellen beim CAM-ICU

Zu schnelles Buchstabieren, Testen bei RASS -4/-5, fehlende Brille oder fehlendes Hörgerät, Testen mitten in Lärm und Unruhe, und das Verwechseln von "kann nicht antworten" mit "ist nicht aufmerksam". Erst die Voraussetzungen schaffen, dann testen, sonst produziert das Screening falsche Ergebnisse.

4. Der stille Notfall: das hypoaktive Delir auf der ICU

Aus der Beispielsituation wissen Sie: Das stille, hypoaktive Delir wird am häufigsten übersehen. Auf der Intensivstation verschärft sich das dramatisch, denn eine ruhige, zurückgezogene Patientin fällt zwischen Alarmen und Notfällen niemandem auf, und Ruhe wird schnell als "gut sediert" fehlgedeutet. Genau deshalb ist das strukturierte Screening pro Schicht keine Bürokratie, sondern die einzige verlässliche Chance, das hypoaktive Delir zu fangen. Frau Brinkmann, die am Vormittag nach Sedierungspause still an die Decke starrt und beim Buchstaben-Test viermal danebengreift, hat kein "gutes Aufwachen", sie hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Delir.

5. Vorbeugen mit System: das ABCDEF-Bündel

Die wirksamste Delir-Strategie der Intensivmedizin ist kein einzelnes Medikament, sondern ein Bündel aus sechs Bausteinen, das international als ABCDEF-Bündel bekannt ist. Es zeigt wie kaum etwas anderes, dass Delirprävention Teamarbeit mit starker Pflegerolle ist:

BausteinBedeutungIhre Rolle als Pflege
A Assess painSchmerz systematisch erfassen und behandelnSchmerz auch beim nicht sprechfähigen Menschen einschätzen (Verhalten, Mimik), konsequent dokumentieren, Bedarfsgabe einfordern
B Both awakening and breathing trialsTägliche Aufwach- und SpontanatmungsversucheSedierungspausen mit vorbereiten, beobachten, dokumentieren
C Choice of sedationSo wach wie möglich, so tief wie nötigRASS-Ziel kennen, Abweichungen melden, Übersedierung hinterfragen
D Delirium monitoringDelir strukturiert screenen und managenCAM-ICU pro Schicht, Ergebnis kommunizieren, Ursachensuche anstoßen
E Early mobilityFrühmobilisationVom passiven Durchbewegen bis zur Bettkante, jeden Tag ein Schritt mehr
F Family engagementFamilie einbeziehenAngehörige als Reorientierungshilfe gewinnen: vertraute Stimme, Fotos, Besuche begleiten

6. Nichtmedikamentös konkret: Was Sie heute Nacht tun können

7. Medikamente: die letzte Reihe, nicht die erste

Auch auf der Intensivstation gilt die Reihenfolge aus der Beispielsituation: Erst die Ursache finden und beheben, dann nichtmedikamentische Maßnahmen, Medikamente nur zurückhaltend, zielgerichtet und nach ärztlicher Anordnung. Beruhigungsmittel können ein Delir verschleiern oder verlängern, und jede zusätzliche sedierende Substanz verschiebt die RASS weiter weg vom wachen Patienten. Ihre Aufgabe als Pflege: Wirkung und Nebenwirkung engmaschig beobachten, dokumentieren und rückmelden.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die Intensivstation bündelt die stärksten Delir-Auslöser, beatmete Menschen sind besonders gefährdet.
  • Erst RASS, dann CAM-ICU: Bei RASS -4/-5 ist kein Screening möglich, ab -3 wird pro Schicht gescreent.
  • CAM-ICU positiv heißt: Merkmal 1 plus 2, zusammen mit 3 oder 4.
  • Das hypoaktive Delir ist auf der ICU der stille Notfall, nur strukturiertes Screening fängt es.
  • Das ABCDEF-Bündel ist die wirksamste Prävention, und in jedem Baustein steckt Pflege.
  • Nichtmedikamentöse Maßnahmen zuerst, Medikamente zurückhaltend und ärztlich angeordnet.

Selbstlernfragen

  1. Nennen Sie sechs Gründe, warum das Delirrisiko auf der Intensivstation besonders hoch ist, und markieren Sie, welche davon die Pflege direkt beeinflussen kann.
  2. Wofür steht die RASS, welchen Zielbereich streben die meisten Teams an und warum ist sie die Voraussetzung für das CAM-ICU?
  3. Beschreiben Sie die vier Merkmale des CAM-ICU und die Regel, wann das Screening positiv ist.
  4. Führen Sie den Buchstaben-Test gedanklich bei Frau Brinkmann durch: Wie erklären Sie ihn, was werten Sie als auffällig?
  5. Warum ist das hypoaktive Delir auf der Intensivstation noch gefährlicher als auf der Normalstation?
  6. Erklären Sie die sechs Bausteine des ABCDEF-Bündels und nennen Sie zu jedem eine konkrete Pflegehandlung.
  7. Frau Brinkmann ist nach der Sedierungspause wach, aber still und unaufmerksam. Welche fünf nichtmedikamentösen Maßnahmen ergreifen Sie in Ihrer Schicht zuerst?
  8. Warum können Beruhigungsmittel ein Delir verschlimmern und welche Beobachtungsaufgaben hat die Pflege bei jeder medikamentösen Behandlung?
  9. Welche Rolle spielen Angehörige in der Delirprävention auf der Intensivstation? Nennen Sie drei konkrete Wege der Einbindung.
  10. Warum erhöhen Fixierungen das Delirrisiko und welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, bevor sie überhaupt erwogen werden?