Refresher Zentrum · Fachhandout Tag 3 · zum Selbsteinlesen

Tag 3 · Fachhandout: Pflege rund um die Operation

Ein pflegerischer Tag bei Frau Brinkmann, von der Vorbereitung bis zur Pflegeplanung
Beispielsituation · Beispielkurs · Weiterbildung Intensivpflege

Frau Brinkmann, 78 Jahre, ist am Vortag an der Hüfte operiert worden. Nach dem Sturz mit Oberschenkelhalsfraktur und der Versorgung mit einer Endoprothese liegt sie wegen ihrer Herzschwäche und der postoperativen Instabilität auf der Intensivstation. Heute beginnt der erste pflegerische Tag nach der Operation. Über sie laufen mehrere Zugänge, ein zentraler Venenkatheter, eine arterielle Kanüle und ein Blasenkatheter. Jeder dieser Zugänge hilft und gefährdet zugleich. Ein guter Pflegetag entscheidet jetzt darüber, ob Frau Brinkmann sicher genesen kann oder ob eine vermeidbare Komplikation ihren Weg verlängert. Dieses Handout begleitet den Tag Schritt für Schritt, von der Vorbereitung über die Katheterpflege und die erste Mobilisierung bis zur strukturierten Pflegeplanung nach dem PUS-System.

1. Vor und nach der Operation: die pflegerischen Aufgaben

Die präoperative Vorbereitung

Bevor Frau Brinkmann in den Operationssaal kam, stand die pflegerische Vorbereitung im Mittelpunkt. Sie verfolgt drei Ziele: die Sicherheit erhöhen, Komplikationen vorbeugen und der Patientin die Angst nehmen. Konkret bedeutet das: Die Nüchternheit wird eingehalten, damit während der Narkose nichts aspiriert wird. Die Ausgangswerte werden erhoben, also Vitalzeichen, Gewicht, Laborwerte, Allergien und die Dauermedikation. Die Haut im Operationsgebiet wird vorbereitet, Schmuck und Prothesen werden entfernt. Aufklärung und Einwilligung müssen vorliegen. Bereits jetzt beginnt die Thromboseprophylaxe, denn das Risiko steigt mit jeder Stunde der Immobilität. Bei Frau Brinkmann kam ein weiterer Punkt dazu, ihre große Sorge vor der Narkose. Eine ruhige, verständliche Begleitung ist hier keine nette Geste, sondern Teil der Vorbereitung, denn Angst treibt Blutdruck und Herzfrequenz nach oben.

Die postoperative Pflege

Nach der Operation überwacht die Pflege engmaschig und handelt früh. Das Ziel ist, Komplikationen zu erkennen, bevor sie gefährlich werden. Mehrere Bereiche stehen dabei im Blick: die Vitalzeichen und der Kreislauf, das Bewusstsein und die Wachheit, die Operationswunde und die Drainage, der Schmerz, die Ausscheidung, die Atmung und die frühe Bewegung. Bei Frau Brinkmann heißt das konkret: Der Kreislauf wird über die arterielle Kanüle kontinuierlich beobachtet. Die Wunde wird auf Nachblutung, Schwellung und Sekret geprüft, die Drainagemenge wird dokumentiert. Der Schmerz wird regelmäßig nach einer Skala erfasst und behandelt, denn nur eine schmerzarme Patientin kann tief atmen und sich bewegen. Die Ausscheidung wird bilanziert. So entsteht früh ein klares Bild, sobald etwas aus dem Ruder zu laufen droht.

Merke

Postoperativ gilt: früh erkennen ist besser als spät reagieren. Kreislauf, Wunde, Schmerz und Ausscheidung werden in jeder Schicht beurteilt und dokumentiert. Eine schmerzarme Patientin atmet tiefer, bewegt sich früher und entwickelt seltener eine Lungenentzündung oder eine Thrombose.

2. Katheterpflege im Alltag: Zugänge sind offene Türen

Jeder invasive Zugang durchbricht die natürliche Barriere der Haut und ist damit eine offene Tür für Krankheitserreger. Auf der Intensivstation, wo viele Zugänge liegen und die Patienten geschwächt sind, entscheidet die tägliche Katheterpflege oft über Infektion oder Sicherheit. Die stärkste und zugleich einfachste Maßnahme ist die hygienische Händedesinfektion vor und nach jedem Kontakt. Zudem gilt eine einfache Regel: Was nicht mehr gebraucht wird, kommt so früh wie möglich wieder heraus, denn der sicherste Katheter ist der, der nicht mehr liegt.

Der zentrale Venenkatheter und der Verbandwechsel

Der zentrale Venenkatheter von Frau Brinkmann endet in einer herznahen großen Vene. Er erlaubt sichere Infusionen und Messungen, aber eine Infektion an dieser Stelle kann bis in die Blutbahn reichen. Deshalb wird der Verband streng aseptisch versorgt, also mit steriler Technik und ruhiger Hand. Ein durchsichtiger Transparentverband hat einen großen Vorteil, er erlaubt den täglichen Blick auf die Einstichstelle, ohne dass er abgelöst werden muss. Er bleibt liegen, solange er trocken, sauber und fest sitzt. Sobald er sich löst, feucht wird oder verschmutzt ist, wird er unter aseptischen Bedingungen gewechselt. Jeder Wechsel und jeder Befund werden dokumentiert, mit Datum und Handzeichen, damit die nächste Schicht lückenlos weiterarbeiten kann.

Die Einstichstellen beobachten

Jede Einstichstelle, ob am zentralen Venenkatheter oder an der arteriellen Kanüle, wird in jeder Schicht angesehen. Die Warnzeichen einer beginnenden Infektion sind Rötung, Schwellung, Überwärmung, Schmerz und Sekret oder Eiter. An der arteriellen Kanüle wird zusätzlich die Durchblutung der Hand geprüft, also Farbe, Wärme und Wiederfüllung, außerdem der sichere Sitz der Kanüle. Ein einziges Warnzeichen genügt, um es zu melden und zu handeln. Frühes Erkennen erspart Frau Brinkmann im besten Fall eine schwere katheterassoziierte Infektion.

Der Blasenkatheter im geschlossenen System

Der Blasenkatheter leitet den Urin ab und macht die Ausscheidung messbar. Sein größter Schutz ist das geschlossene System, die Verbindung zwischen Katheter und Ableitung bleibt geschlossen, denn jede Unterbrechung öffnet einen Weg für Keime. Der Beutel hängt immer unter dem Blasenniveau, damit kein Urin zurückläuft. Den Boden berührt er dabei nie. Menge, Farbe und Geruch des Urins geben früh Hinweise, etwa auf eine Infektion oder einen Flüssigkeitsmangel. Auch für den Blasenkatheter gilt: Er wird so früh wie möglich wieder entfernt, sobald er nicht mehr gebraucht wird.

Der stille Zusammenhang

Jeder liegende Katheter erhöht nicht nur das Infektionsrisiko, er kann auch eine Thrombose an der Gefäßwand auslösen, an der er anliegt. Diese katheterassoziierte Thrombose wird leicht übersehen. Deshalb hängen die heutige Katheterpflege und der Komplikationstag von morgen eng zusammen. Wer die Zugänge sauber pflegt und früh entfernt, senkt beide Risiken zugleich.

3. Frühe Mobilisierung mit den Zugängen

Bewegung ist Medizin. Die frühe Mobilisierung, also das schrittweise Aufsetzen, Stehen und Gehen so bald es der Zustand erlaubt, senkt das Risiko für Lungenentzündung, Thrombose, Muskelabbau und Delir. Sie erhält Kraft, Kreislauf und Selbstvertrauen. Die Leitregel lautet: so früh wie möglich, so sicher wie nötig. Gerade nach einer Hüft-Endoprothese ist die frühe Belastung ausdrücklich erwünscht, sie darf aber nur unter Beachtung der Zugänge und der Bewegungseinschränkungen erfolgen.

Bei Frau Brinkmann wird die erste Mobilisierung sorgfältig geplant. Vor dem Aufstehen wirkt das Schmerzmittel, der Kreislauf wird geprüft. Mobilisiert wird immer zu zweit, damit eine Person die Zugänge im Blick behält, während die andere die Patientin führt. Alle Schläuche werden geordnet, gesichert und mit ausreichend Spiel gelegt, damit nichts unter Zug gerät oder herausgezogen wird. Der Monitor bleibt im Blick, ohne dass er uns hetzt. Bei Schwindel, Blässe oder starkem Blutdruckabfall geht es sofort und ruhig zurück ins Bett. So wird aus einem riskanten Moment ein sicherer Schritt nach vorn.

4. Luxationsprophylaxe nach Hüft-TEP

Eine künstliche Hüfte sitzt in den ersten Wochen noch nicht fest im umgebenden Gewebe. Bestimmte Bewegungen können den Prothesenkopf aus der Pfanne springen lassen, das nennt man Luxation. Sie ist schmerzhaft, gefährdet den Operationserfolg und muss oft erneut versorgt werden. Die Luxationsprophylaxe schützt Frau Brinkmann durch drei einfache, aber verbindliche Bewegungsregeln.

Diese Regeln gelten im Liegen, im Sitzen und beim Transfer gleichermaßen. Sie werden Frau Brinkmann verständlich erklärt, denn sie kann selbst am besten mithelfen, wenn sie den Grund versteht.

Merke

Die drei Nein nach der Hüft-TEP: kein Beugen über neunzig Grad, kein Überkreuzen der Beine, kein Drehen des Beins nach innen. Ein Keilkissen und eine erhöhte Sitzfläche helfen, diese Regeln im Alltag einzuhalten.

5. Der Pflegeprozess auf der Intensivstation: das PUS-System

Auf der Intensivstation passiert vieles gleichzeitig. Der Pflegeprozess bringt Ordnung in diese Fülle, er macht aus einzelnen Beobachtungen eine geplante, nachvollziehbare Pflege. Ein bewährtes Ordnungsschema ist das PUS-System. Es beschreibt zuerst das Problem in drei Schritten und leitet daraus Ziel und Maßnahmen ab.

Aus P, U und S folgen ein klar formuliertes Ziel und konkrete, überprüfbare Maßnahmen. Ein gutes Ziel ist erreichbar und beobachtbar, eine gute Maßnahme sagt, wer was wie oft tut.

Eine Beispiel-Pflegeplanung für Frau Brinkmann

Am ersten Tag nach der Operation ist die Sturzgefahr das dringendste Pflegeproblem. So sieht die Planung nach PUS aus:

ElementAusformulierung für Frau Brinkmann
P PflegeproblemHohe Sturzgefahr, besonders bei der ersten Mobilisierung
U UrsachePostoperativ labiler Kreislauf, Muskelschwäche, Sehschwäche sowie mehrere Zugänge, die die Bewegung behindern
S SymptomSchwindel beim Aufsetzen, unsicherer Stand, noch schwankende Blutdruckwerte
ZielFrau Brinkmann bewegt sich sicher und bleibt während des gesamten Aufenthalts sturzfrei
MaßnahmenMobilisierung nur zu zweit, Kreislauf vor jeder Mobilisierung prüfen, Zugänge ordnen und sichern, Rufanlage in Reichweite legen, festes Schuhwerk und freie Wege am Bett

Diese Planung ist keine Formsache. Sie sorgt dafür, dass jede Kollegin und jeder Kollege in jeder Schicht genau weiß, worauf es bei Frau Brinkmann heute ankommt und woran der Erfolg zu erkennen ist.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die präoperative Pflege verfolgt drei Ziele: Sicherheit erhöhen, Komplikationen vorbeugen und die Angst nehmen.
  • Postoperativ werden Kreislauf, Bewusstsein, Wunde, Schmerz, Ausscheidung und Atmung engmaschig überwacht, um Komplikationen früh zu erkennen.
  • Jeder Zugang ist eine offene Tür. Händedesinfektion, aseptischer Verbandwechsel und frühe Entfernung sind die wirksamsten Schutzmaßnahmen.
  • Einstichstellen werden in jeder Schicht auf Rötung, Schwellung, Überwärmung, Schmerz und Sekret geprüft. Der Blasenkatheter bleibt ein geschlossenes System.
  • Die frühe Mobilisierung senkt viele Risiken, sie erfolgt geplant, zu zweit und mit gesicherten Zugängen.
  • Nach der Hüft-TEP gelten drei Nein: keine Beugung über neunzig Grad, kein Überkreuzen der Beine, keine Innenrotation.
  • Das PUS-System ordnet den Pflegeprozess: Pflegeproblem, Ursache und Symptom, daraus Ziel und Maßnahmen.

Selbstlernfragen

  1. Nennen Sie die drei Ziele der präoperativen Pflege und je ein Beispiel dafür.
  2. Welche Bereiche überwachen Sie postoperativ bei Frau Brinkmann? Begründen Sie, warum eine gute Schmerzbehandlung die Atmung und die Mobilisierung fördert.
  3. Beschreiben Sie den aseptischen Verbandwechsel am zentralen Venenkatheter. Welchen Vorteil hat ein Transparentverband?
  4. Welche fünf Warnzeichen an einer Einstichstelle kennen Sie? Was prüfen Sie zusätzlich an der arteriellen Kanüle?
  5. Warum bleibt der Blasenkatheter ein geschlossenes System und warum hängt der Beutel unter Blasenniveau?
  6. Erklären Sie die drei Bewegungsregeln der Luxationsprophylaxe nach Hüft-TEP und nennen Sie je eine praktische Hilfe.
  7. Wie sichern Sie die Zugänge während der ersten Mobilisierung von Frau Brinkmann?
  8. Erstellen Sie eine eigene Pflegeplanung nach PUS für das Pflegeproblem Infektionsrisiko durch die invasiven Zugänge. Benennen Sie P, U und S und formulieren Sie ein Ziel und drei Maßnahmen.