Vor wenigen Tagen war Frau Brinkmann noch selbstständig zu Hause. An einem Morgen rutschte die 78-Jährige im Bad auf nassen Fliesen aus und stürzte auf die rechte Hüfte. Aufstehen konnte sie nicht mehr, das rechte Bein lag verkürzt und nach außen gedreht. Der Rettungsdienst brachte sie in die Notaufnahme, der Verdacht fiel sofort auf einen Bruch des Oberschenkelhalses. Heute treten Sie einen Schritt zurück und schauen genauer hin: Wie ist das Bein aufgebaut, warum bricht gerade der Schenkelhals im Alter so leicht und woran erkennen Sie einen Knochenbruch sicher. Wer den Knochen versteht, versteht auch, warum Frau Brinkmann heute auf der Intensivstation liegt.
Der Oberschenkelknochen, medizinisch Femur, ist der längste und kräftigste Knochen des menschlichen Körpers. Sein oberes Ende trägt drei wichtige Strukturen: den kugeligen Hüftkopf, den schlanken Schenkelhals und die beiden Rollhügel, an denen kräftige Muskeln ansetzen. Der Hüftkopf ruht in der Gelenkpfanne des Beckens, dem sogenannten Acetabulum.
Der Schenkelhals verbindet Kopf und Schaft und steht dabei in einem Winkel von etwa 126 Grad zum Schaft. Genau diese schmale Stelle ist eine Schwachstelle: Sie trägt bei jedem Schritt das ganze Körpergewicht und bricht im Alter besonders leicht. Bei Frau Brinkmann ist genau hier der Bruch entstanden.
Ein Gelenk ist die bewegliche Verbindung zweier Knochen. Nach der Form der Gelenkflächen und der möglichen Bewegung unterscheidet man mehrere Gelenkarten. Das Hüftgelenk ist ein Kugelgelenk, es erlaubt Bewegungen um drei Achsen: Beugen und Strecken, Abspreizen und Heranführen sowie Innen- und Außendrehung. Weil die Gelenkpfanne den Kopf zu mehr als der Hälfte umfasst, spricht man beim Hüftgelenk genauer von einem Nussgelenk. Diese tiefe Führung gibt viel Halt, schränkt die Beweglichkeit gegenüber der Schulter aber etwas ein.
| Gelenkart | Bewegung | Beispiel |
|---|---|---|
| Kugelgelenk | Drei Achsen, größte Beweglichkeit | Hüfte, Schulter |
| Scharniergelenk | Eine Achse, nur beugen und strecken | Ellenbogen, Fingergelenke |
| Sattelgelenk | Zwei Achsen | Daumensattelgelenk |
| Eigelenk | Zwei Achsen | Körpernahes Handgelenk |
| Drehgelenk | Drehung um eine Achse | Zwischen Elle und Speiche |
Ein Knochen ist kein totes Gerüst, sondern lebendiges, gut durchblutetes Gewebe. Von außen nach innen betrachtet besteht ein Röhrenknochen aus mehreren Schichten. Ganz außen liegt die Knochenhaut, das Periost. Sie ist reich an Gefäßen und Nerven, ernährt den Knochen und ist wichtig für die Heilung nach einem Bruch. Darunter folgt die feste Kompakta, eine dichte Schale, die dem Knochen seine Stabilität gibt. Im Inneren liegt die schwammartige Spongiosa. Ihre feinen Bälkchen sind nicht zufällig angeordnet, sondern richten sich nach den Linien der größten Belastung aus. In der Markhöhle schließlich sitzt das Knochenmark, in dem die Blutbildung stattfindet.
Aufbauende Zellen namens Osteoblasten und abbauende Zellen namens Osteoklasten halten den Knochen in einem ständigen Umbau. Solange Aufbau und Abbau im Gleichgewicht bleiben, ist der Knochen stark. Kippt dieses Gleichgewicht zugunsten des Abbaus, wird der Knochen mit den Jahren dünner und brüchiger.
Bei einer Osteoporose überwiegt der Knochenabbau dauerhaft den Aufbau. Der Knochen verliert an Masse, seine feine Bälkchenstruktur wird löchrig und die Bruchfestigkeit sinkt. Die Erkrankung verläuft lange still, oft ist ein Knochenbruch das erste sichtbare Zeichen. Begünstigt wird sie durch hohes Alter, die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren, Bewegungsmangel, einen Mangel an Calcium und Vitamin D sowie eine langfristige Behandlung mit Kortison. Typisch sind Brüche am Oberschenkelhals, an den Wirbelkörpern und am handgelenksnahen Unterarm.
Bei Frau Brinkmann ist die Osteoporose seit Jahren bekannt. Ein Sturz, der einen gesunden jungen Knochen nur geprellt hätte, führte bei ihr zum Bruch des Schenkelhalses. Das erklärt, warum schon ein Ausrutschen im Bad so schwere Folgen haben kann.
Eine Fraktur ist die vollständige oder teilweise Unterbrechung des Knochens. Brüche lassen sich nach verschiedenen Gesichtspunkten einteilen.
Bei Frau Brinkmann traf ein Sturz auf einen durch Osteoporose geschwächten Schenkelhals. Der Übergang von unfallbedingtem zu krankhaftem Bruch ist im Alter oft fließend, der geschwächte Knochen bricht schon bei geringer Gewalt.
Ob wirklich ein Knochen gebrochen ist, lässt sich an bestimmten Zeichen ablesen. Die Pflege unterscheidet dabei zwischen sicheren und unsicheren Frakturzeichen. Sichere Zeichen beweisen den Bruch. Unsichere Zeichen können auf einen Bruch hinweisen, kommen aber auch bei Prellungen oder Verstauchungen vor.
| Sichere Frakturzeichen (beweisen den Bruch) | Unsichere Frakturzeichen (weisen nur hin) |
|---|---|
| Abnorme Beweglichkeit an einer Stelle ohne Gelenk | Schmerz an der verletzten Stelle |
| Sichtbare Fehlstellung der Achse | Schwellung des Gewebes |
| Krepitation, ein tast- und hörbares Knochenreiben | Hämatom, der sichtbare Bluterguss |
| Sichtbare Knochenteile bei einer offenen Fraktur | Funktionsstörung, das Bein trägt nicht mehr |
Abnorme Beweglichkeit und Krepitation dürfen Sie nie absichtlich auslösen. Jede unnötige Bewegung des Bruchs kann Gefäße, Nerven und umliegendes Gewebe zusätzlich schädigen und starke Schmerzen verursachen. Bewegen Sie ein verletztes Bein nur so viel wie unbedingt nötig und lagern Sie es ruhig.
Bei Frau Brinkmann sprachen das verkürzte und nach außen gedrehte Bein sowie die fehlende Belastbarkeit für einen Bruch. Die endgültige Sicherheit brachte erst das Röntgenbild in der Notaufnahme.
Ein Knochenbruch betrifft selten nur den Knochen. Rund um die Bruchstelle können weitere Strukturen verletzt sein. Scharfe Bruchenden können Gefäße anreißen, am Oberschenkel kann dabei viel Blut ins Gewebe einbluten, ohne dass es von außen sichtbar ist. Nerven können gequetscht oder überdehnt werden. Auch Muskeln und Weichteile werden häufig mitverletzt. Bei älteren Menschen kommen nach einem Sturz oft zusätzliche Prellungen an Kopf, Hüfte oder Handgelenk hinzu.
Prüfen Sie an einer verletzten Extremität immer Durchblutung, Motorik und Sensibilität, kurz DMS. Warme rosige Haut, ein tastbarer Puls, mögliche Bewegung und erhaltenes Gefühl zeigen, dass Gefäße und Nerven intakt sind. Eine kühle, blasse oder gefühllose Extremität ist ein Alarmzeichen und gehört sofort gemeldet.
Der Weg von Frau Brinkmann führte in klaren Schritten. In der Notaufnahme wurde sie untersucht, das Röntgenbild bestätigte den Bruch des Oberschenkelhalses. Das Team sicherte den Kreislauf, gab Schmerzmittel und bereitete die Operation vor. Im Operationssaal wurde der verletzte Hüftkopf durch eine künstliche Hüfte, eine Endoprothese, ersetzt.
Nach einer solchen Operation gehen die meisten Menschen auf eine normale Station. Frau Brinkmann jedoch hat eine leichte Herzschwäche und ihr Kreislauf war nach dem Eingriff noch nicht stabil. Deshalb wurde sie zur engmaschigen Überwachung auf die Intensivstation aufgenommen. Genau dort beginnt die pflegerische Arbeit der nächsten Tage.